Begegnung mit dem Maskenmann
Geschrieben von Padjek am 31. Januar 2021Anlässlich seiner Überstellung nach Frankreich erschien kürzlich ein längerer Artikel (vollständige Doppelseite ohne Werbung) über N. in einer Tageszeitung.
Der Text bezieht sich auf eine Begegnung des Autors mit N. vor 3 ½ Jahren und bietet einige interessante Ansichten, gibt aber ansonsten nicht viel her. Er hinterlässt bei mir ein schales Gefühl des Unwichtigen, was die Fakten angeht.
Dennoch ist er ein Dokument für die jf-Nutzer, die N. in seiner speziellen, oft zynischen Art noch kennengelernt und mit ihm kommuniziert haben – zu denen gehöre ich auch. Es, das Dokument, erlaubt einen Blick hinter die Kulissen, wenn auch einen sehr getrübten.
Was ich sagen will: Ich finde die Tatsache, dass ich diesen Bericht hier reinstelle unsinnig und zugleich doch richtig – richtig, weil N. aktiver Nutzer des jf war und die Reibung, die er erzeugte, mir und vielleicht auch anderen in Erinnerung bleibt.
Fast alle Namen und Ortsangaben in Deutschland sind weggelassen oder verändert und abgekürzt; der Artikel ist leicht gekürzt, liegt mir aber vor.
Als Seitentext liest man zunächst über den Täter:
DER TÄTER
Ausgeliefert nach Frankreich: Der zu lebenslanger Haft verurteilte N. ist vor wenigen Tagen wegen eines möglichen weiteren Verbrechens nach Frankreich ausgeliefert worden. Nach Angaben des Justizministeriums wurde der 50-Jährige zunächst am 20. Januar aus der Justizvollzugsanstalt … in die JVA … gebracht, wo er den Franzosen übergeben wurde. Dort wird er dem Haftrichter in Nantes vorgeführt. N. steht im Verdacht, im April 2004 in der Bretagne einen Jungen nachts aus einem Schullandheim entführt und umgebracht zu haben.
Seit 1992 Verbrechen begangen:
N., der 1970 in Bremen geboren wurde, hatte jahrelang in Deutschland kleine Jungen missbraucht und drei von ihnen im Alter von 8, 9 und 13 Jahren ermordet. Zwischen 1992 und 2001 schlich er sich in Norddeutschland nachts maskiert an die Betten seiner Opfer, weshalb er den Beinamen „Maskenmann" erhielt. 2012 wurde er wegen Mordes in drei Fällen sowie 20 Missbrauchsdelikten vor dem Landgericht Stade zu lebenslanger Haft verurteilt. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt.
Berichten zufolge soll sich der Sexualstraftäter an mindestens 40 kleinen Jungen vergriffen haben. Die Hälfte der Missbrauchsfälle war zum Zeitpunkt der Anklage jedoch schon verjährt.
Täterwissen offenbart?
Nun soll N. auch in Frankreich zur Rechenschaft gezogen werden. Laut der französischen Zeitung „Ouest France" soll er mit dem Mord an dem jungen Franzosen geprahlt und Täterwissen offenbart haben. Die französischen Ermittler hatten ihn seit Jahren als möglichen Mörder des elfjährigen Jungen aus der Bretagne in Verdacht. Der Tatablauf wurde den Mordfällen aus Norddeutschland ähneln, heißt es. Der Junge war 2004 aus einem Schullandheim in Saint-Brevin-les-Pins in Westfrankreich entführt worden. Die Leiche des zehnjährigen Jonathan war wenige Wochen später entdeckt worden. N. bestreitet die Tat.
Maskenmann verbüßt Haftstrafe:
Der Sexualstraftäter sitzt seit neun Jahren in der JVA … in Haft. Das Oberlandesgericht hatte im Dezember einem europäischen Haftbefehl stattgeben. N. soll zunächst für acht Monate in französischem Gewahrsam bleiben. Nach einem möglichen Prozess in Frankreich soll der 50-Jährige dann seine lebenslange Haftstrafe weiter in Deutschland verbüßen. „Was ich brauche, ist, dass er die Wahrheit sagt", hatte Jonathans Mutter zuletzt dem Sender France Television über N. gesagt. „Er muss sagen, ob er es wirklich war, was er mit ihm gemacht hat." Sie müsse wissen, ob ihr Sohn besonders gelitten habe.
Der Haupttext:
Erdbeerkuchen mit dem Maskenmann – als Redakteur S. den dreifachen Kindermörder in der JVA traf
J. hatte mich gefragt. Ob ich mir vorstellen könne, seine Gruppe im Gefängnis zu besuchen. J. engagiert sich seit über 30 Jahren in der Ge-fangenenbetreuung. Einmal im Monat fährt er in die JVA. Dann redet er mit den Teilnehmern der Gruppe. Über ihren Alltag im Knast, über ihre Probleme, wie es ihnen geht. Es ist eine Runde mit Serienmördern und Vergewaltigern. Und mit dem „Maskenmann". Einem der schlimmsten Kindermörder in der Geschichte der Bundesrepublik. N. ist dieser Tage wieder in den Schlagzeilen. Vor wenigen Tagen wurde er nach Frankreich ausgeliefert. Er wird verdächtigt, 2004 in der Bretagne einen französischen Jungen ermordet zu haben.
J. und ich, wir kennen uns schon viele Jahre. Er […] lädt hin und wieder Externe ein. Sie sollen die Runde ein bisschen auflockern. Mal ist ein Pilot dabei, mal eine Bücherei-Leiterin. Sie erzählen dann von ihrem Beruf. Versuchen, etwas Farbe in den tristen Gefängnis-Alltag zu bringen.
MIT SERIENTÄTERN AN EINEM TISCH
2017 wurde ich eingeladen. Mir war ganz schön mulmig zumute. Zum Kaffeekränzchen in die JVA, noch dazu mit dem „Maskenmann". Musste das sein? Natürlich nicht. Ich tat es dennoch. Ich wollte J., den ich schätze, seine Bitte nicht abschlagen. Und ja, natürlich hatte es seinen Reiz. Was auch meine Kollegin fand, die sich diese „Chance" nicht entgehen lassen wollte. Sie wollte unbedingt mit - zur Plauderstunde mit Schwerstkriminellen.
Vorab bekamen wir eine Liste der Teilnehmer. Es las sich wie das „Who is Who" der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte. Wir googelten alle Namen. Der gefährlichste Serienmörder Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg war dabei. Auch ein Mann, der im Raum Wolfsburg im Wahn seine gesamte Familie ausgelöscht hatte. Und natürlich N., der „Maskenmann", der mindestens drei Kinder auf dem Gewissen hat. Die Harmloseren der Runde hatten „nur" im Affekt ihre Ehefrau getötet. Etwa 12, 13 Mitglieder hatte die Gruppe an jenem Tag im Juni 2017. Wir haben es danach überschlagen: An dem Nachmittag saßen wir mit Menschen an einem Tisch zusammen, die für mehr als 20 Morde verantwortlich waren.
So nahm das bizarre Treffen seinen Lauf. Es gab Kuchen. Erdbeerkuchen. J. hatte kurz zuvor einen runden Geburtstag. Die Teilnehmer seiner Runde hatten sich richtig ins Zeug gelegt. Sie wollten ihm Danke sagen, dass er sich seit so vielen Jahren um sie kümmert. Denn manche haben überhaupt keinen Kontakt mehr nach draußen. Und da saßen wir nun, meine Kollegin und ich, und sahen den Mördern dabei zu, wie sie mit großen Messern den Kuchen klein schnitten. Das nur nebenbei: Bei den Treffen ist die Gruppe unter sich. Kein Wächter ist dabei. Keine Security. Nichts.
N., der „Maskenmann", ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Natürlich auch wegen seines Bekanntheitsgrades. Sein Gesicht kennt man aus unzähligen Veröffentlichungen. Viele Jahre hatte er in Norddeutschland Angst und Schrecken verbreitet. Bei seinen Taten stieg er meist maskiert in Schullandheime ein, 2012 wurde N. zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm wurden drei Morde und zahlreiche Sexualdelikte an Kindern nachgewiesen. Das Landgericht Stade stellte schließlich die besondere Schwere der Schuld fest.
Als ich N. traf, sah er sehr krank, aus. Aschfahle Haut, eingefallene Augen. Ob ihm die Ermittlungen der Polizei zusetzten oder der Alltag im Gefängnis, ich weiß es nicht. Dass Kindermörder in der Knast-Hierarchie ganz unten stehen, ist bekannt. N. sagte an diesem Nachmittag keinen Ton. In Erinnerung ist mir vor allem sein wachsweicher Händedruck geblieben. Der hatte drei Jungen umgebracht?
Man muss es so sagen, seine Aura war gruselig. Mit einigen der anderen konnte man sich ganz gut unterhalten. Der Serienmörder aus Berlin war der Wortführer. Es ging um die ärztliche Versorgung im Gefängnis, auch um die Rechte der Insassen gegenüber der Gefängnisleitung. Einer wollte schließlich von mir wissen, ob Journalisten Verbrechern Spitznamen geben dürfen. Also zum Beispiel „St-Pauli-Killer" oder „Heidemörder". Oder halt der „Maskenmann". Nie hätte ich mir vorstellen können, dass wir uns an diesem Nachmittag darüber unterhalten werden.
Einer, der N. ein bisschen besser kennt ist der Lokalpolitiker D. D. begleitet J. regelmäßig ins Gefängnis, er gehört zu der Runde quasi dazu. 25, 30 Mal hat er den „Maskenmann" getroffen. Und sich immer wieder mit ihm unterhalten. „Ich versuche, das, was die Menschen gemacht haben, von der Person zu trennen", sagt D. Und wenn das gelinge, könne man auch mit N. normale Gespräche führen. Zum Beispiel über Reisen, die N. unternommen hatte. Doch D. sprach mit ihm auch über seine Taten. Und über die Ermittlungen gegen ihn, die über all die Jahre nie aufgehört hatten. „Er hat mir gesagt, dass es keine Beweise geben könne, weil an den Vorwürfen aus Frankreich nichts dran sei", berichtet D. „Ob er mich belogen hat, weiß ich nicht."
Um das klarzustellen: Von den Verantwortlichen der Gruppe relativiert niemand die Taten der Mörder. Niemand entschuldigt, was geschehen ist. Niemand zeigt Verständnis. Wie will man einem dreifachen Kindermörder auch nur einen Hauch von Verständnis entgegenbringen?
J. und seine Mitstreiter versuchen trotz alledem, den Menschen hinter den schweren Taten zu sehen. Sie machen etwas, wozu die Gesellschaft nicht in der Lage ist. Während der Fokus in Gerichtsprozessen - auch in den Medien - oft auf dem Täter liegt und die Opfer kaum Gehör finden, interessiert sich nach einer Verurteilung niemand mehr für die Kriminellen. Sie werden weggesperrt. Einige für Jahre, andere für immer. Die Gesellschaft draußen möchte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Wie es in einem Gefängnis zugeht, will keiner wissen.
IN ÜBER 3O JAHREN IST NIE ETWAS PASSIERT
Es gibt wenige Regeln in seiner Gruppe, sagt J. „Wir reden nur über ihre Taten, wenn die Insassen sie selbst ansprechen", fasst er zusammen. Er ist für die Mitglieder der Gruppe eine absolute Vertrauensperson. Den Serienmörder aus Berlin bezeichnet er als „Freund". Und N., der „Maskenmann", hat ihm erst vor ein paar Tagen einen Brief geschrieben. Darin beklagt sich der 50-Jährige über den Rechtsstaat, dass er „ins Ausland verschleppt" werde. Über ihn würden Lügengeschichten verbreitet. Er habe Zweifel, dass er jemals nach hierher zurückkehre, schreibt N. Man muss es nochmal betonen, weil es so absurd klingt: Ein Sexualstraftäter und mehrfacher Mörder hat die Chuzpe, sich über den Rechtsstaat zu beschweren. Andererseits: Natürlich darf er sich verteidigen, er darf sich auch beschweren. Genau das macht einen Rechtsstaat aus. Das muss man aushalten.
Ein paar Monate nach unserem ersten Gespräch hatten wir die Gruppe noch einmal besucht. Dieses Mal war das Gefühl nicht mehr ganz so mulmig. Wir hatten verstanden: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Insasse Amok läuft, ist äußerst gering. Denn wer sich nicht an die Regeln hält und damit den Fortbestand der Gruppe riskiert, bekommt intern gewaltigen Ärger. Für die Insassen bedeutet die Runde Abwechslung, Kontakt nach draußen. Mit Menschen reden, die sie ernst nehmen. Wohl auch das Gefühl, nicht der letzte Abschaum zu sein. Das lassen sie sich nicht kaputtmachen. In über 30 Jahren ist nie etwas passiert.
Bis heute verfolge ich aufmerksam, wenn Neuigkeiten über den „Maskenmann" an die Öffentlichkeit gelangen. Und ich frage mich, was da wohl noch kommen mag. Seinen Anblick und seinen Händedruck werde ich nie vergessen.
Der rechte Seitentext enthält ein Interview mit J.
NACHGEFRAGT BEI J.
Warum kümmern Sie sich um Mörder und Vergewaltiger?
Ich weiß, diese Menschen haben brutalste Verbrechen gegen andere Menschen begangen - und doch bleiben sie Menschen. Sie sind lebenslang etikettiert und haben keine Zukunft mehr. Das ist für mich nicht menschlich oder demokratisch.
Was ist daran undemokratisch? Diese Menschen sind schließlich eine Gefahr für andere.
Für mich ist die Institution Knast undemokratisch und unmenschlich, auch wenn sicherlich alles juristisch perfekt abgesichert ist. Beispiele aus Schweden, Dänemark und den Niederlanden zeigen, dass es auch anders geht. Aber mit diesem Thema kann kein Politiker Stimmen gewinnen. Für manche Mitmenschen bin ich bestimmt ein Spinner, der sich mit diesen „Abschaum" beschäftigt. Das Feedback im Knast zeigt mir aber, das ich auf dem richtigen Weg bin.
Was sind das für Reaktionen?
Die Gefangenen vertrauen uns. Sie öffnen sich uns gegenüber und bitten uns hin und wieder um Hilfe.
Was machen Schweden, Dänemark und die Niederlande Im Strafvollzug anders?
Die Dänen zum Beispiel verhängen möglichst kurze Strafen, die oft im Hausarrest mit Elektronischer Fessel vollzogen werden. Das ist deutlich günstiger als Gefängnis. Für die Resozialisierung ist das auch viel besser.
Was geschieht im Gefängnis mit einem Menschen, der eine lange Freiheitsstrafe absitzt?
Er wird weggesperrt und vergessen. Er ist für den Rest seines Lebens markiert und hat draußen keine Chance mehr. Denken Sie nur an die wenigen entlassenen Sexualstraftäter, die sich nirgendwo niederlassen können, wenn die Nachbarn von ihnen wissen, Und wenn diese Menschen sich ändern, an sich arbeiten und Reue zeigen, es hilft ihnen nichts. Man traut den Menschen nicht zu, dass sie sich ändern. Natürlich gibt es auch Personen, die so gefährlich sind, dass sie das Gefängnis nicht mehr verlassen dürfen.
Was können Sie konkret In der JVA erreichen?
Durch mein Handeln möchte ich den Männern zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Dass ich ihnen menschlich begegne, auch wenn ich von ihren Taten weiß. Einer der Männer aus der Gruppe darf mich hin und wieder zu Hause besuchen. Dann ist er mit Laufkette gefesselt, drei Bedienstete begleiten ihn. Dabei ginge es auch anders. Er hat in seinem Leben vieles falsch gemacht, aber er hat sich geändert. Ich sage ja nicht, dass er seine Strafe verbüßt hat. Er wird wohl nie mehr ein freier Mann sein. Aber man müsste ihm nicht so misstrauisch begegnen.
Wie stellen Sie sich einen humaneren Strafvollzug vor?
Der Jurist und ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli plädiert zum Beispiel dafür, Gefängnisse abzuschaffen, weil es sinnvollere Sanktionen gebe, mit Menschen umzugehen, die Normen verletzen. Er sagt: „lch würde diesen Hochrisikotätern eine gesicherte Dorfgemeinschaft anbieten oder eine Gefängnisinsel. Dort können sie weitgehend selbstverantwortlich leben. Die Allgemeinheit wäre vor ihnen sicher.“ So ähnlich sehe ich das auch.
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